Der Tourismus an der polnischen Ostsee aus Expertensicht

Carsten Wolf, Foto: Jens HanselDer Tourismus an der polnischen Ostsee aus Expertensicht: Im heutigen Blogbeitrag spreche ich mit einem weiteren Experten für den Tourismus in Polen. Carsten Wolf ist einer der wohl intimsten Kenner der Tourismus-Landschaft an der polnischen Ostsee. Er arbeitet bei einem der größten Unternehmen in diesem Bereich, der Firma Travelnetto mit Sitz in Kolberg. Er beantwortet meine Fragen zu aktuellen Chancen und Herausforderungen des Tourismus in Polen. Dabei gehen wir auch auf besonders interessante Angebote ein.

Carsten Wolf ist für diese Themen ein ausgezeichneter Interviewpartner. Denn er hat nicht nur tiefe Expertise in Bezug auf die Entwicklungen des Hotelmarkts und der Destinationen. Ihm macht als Experten für die Zielgruppen in Deutschland auch im Marketing kaum jemand etwas vor. Nicht zuletzt ist er auch privat sehr an deutsch-polnischen Themen interessiert: z.B. ist er Mitglied im Städtepartnerschaftsverein der Stadt Kolberg (Kolobrzeg) mit Berlin-Pankow und hat selbst viel unter anderem zur jüdischen Geschichte an der polnischen Ostsee recherchiert.

Marek Brylla: Carsten Wolf, schön, dass wir heute über den Tourismus in Polen sprechen können. Darf ich Dich zuerst persönlich fragen: Wie bist Du eigentlich zum Tourismus gekommen, und wie zur Firma Travelnetto?

Carsten Wolf: Zwar interessierte mich Polen schon lange, aber beruflich bin ich ein echter Quereinsteiger. Früher war ich im Rettungsdienst und in der Krankenpflege tätig. Anschließend habe ich Soziologie und Slawistik studiert. Es folgte eine Touristik-Assistenten-Ausbildung im Jahr 2004. Schon 2009 bekam ich die Gelegenheit, bei Travelnetto die Geschäftsführung zu übernehmen.

Marek Brylla: Wenn Du einmal die große Linie ziehst. Was hat sich in den letzten Jahren im Hotelbereich in Polen verändert. Was sind die drei negativsten, was die drei positivsten Entwicklungen? Und was überwiegt: Das Positive oder das Negative?

Carsten Wolf: Die positivesten Dinge zuerst: Die Ausstattung der Hotels in Polen hat sich hervorragend entwickelt und viele Häuser sind ganz neu. Außerdem sind die Wellnessbereiche der Hotels oft größer als in den Nachbarländern. Auch die Qualität von gesundheitsorientierten Anwendungen und der der Speisen sind hervorragend geworden.

Negativ ist in meinen Augen der Gigantismus: Es wird immer mehr Beton in die Landschaft gesetzt, manchmal ohne Rücksicht auf das Umfeld. Schwierig ist auch der eklatante Personalmangel bei den Hotels und Dienstleistern. Und zu guter Letzt: Das Bewusstsein, dass der Gast im Mittelpunkt ist immer noch nicht so ausgeprägt wie in typischen Gastgeberländern, z.B. Österreich oder der Türkei. In den letzten Jahren stand oft eher der schnelle „return of invest“ im Mittelpunkt.

Marek Brylla: Eine diese weniger schönen Entwicklungen findet sich auch in den Pressemitteilungen von Travelnetto: Dort finden sich sehr ehrliche Hinweise zur teilweise kritischen Preisentwicklung in manchen Hotels an Polens Ostsee – auch in den Katalogen finden sich offene Hinweise auf „horrende Parkgebühren“. Könnten diese Entwicklungen die Attraktivität der Destination Polen gefährden, oder sind es unglückliche Einzelfälle?

Carsten Wolf: Ich persönlich halte die Entwicklung eindeutig für gefährlich für die Attraktivität Polens für Touristen. Solange Preis und Leistung in einem Verhältnis stehen, ist das Ganze kein Problem. Gäste wissen in der Regel um den Wert guter Leistungen. Wenn bei Gästen aber der Eindruck entsteht, dass sie viel Geld für Zusatzleistungen bezahlen sollen, die in anderen Ländern eigentlich selbstverständlich zum Service gehören, dann besteht die Gefahr, dass Polen einen schlechten Ruf bekommt. Leider handelt es sich eher um einen Trend als um Ausnahmefälle.

Marek Brylla: Die positive Seite: Die Zahl der Hotels steigt, die Qualität auch. Die Nachfrage hält mit. Kein Grund zur Sorge? Und welche Rolle spielen – insbesondere an der polnischen Ostsee – die vielen neuen Appartementanlagen?

Carsten Wolf: Um ehrlich zu sein, bin ich selbst manchmal verwundert: All die neuen Hotelanlagen finden bisher Ihre Kunden. Allerdings passten auch die Rahmenbedingungen. Im letzten Jahr hatten wir zum Beispiel  einen Jahrtausendsommer. Wenn jeder Sommer so heiß würde, dann gäbe es keine Probleme. Zur Zeit werden zehntausende neuer Appartements gebaut. In den nächsten zwei Jahren kommen in Swinemünde rund 1.500 neue 4- und 5-Sterne-Zimmer hinzu, in Misdroy, Pobierowo und Kolberg voraussichtlich jeweils weitere 1.000. Nicht zu vergessen mehrere tausend Ferienhäuser. Der Boom erinnert etwas an den spanischen Bauboom um die Jahrtausendwende. Ich bin schon in Sorge, dass das etwas zu viel Angebot wird.

Marek Brylla: Nun haben wir über einige kritische Punkte gesprochen. Was sind aus Deiner Sicht geeignete Maßnahmen der Veranstalter, der Hoteliers, der Städte und Kommunen und nicht zuletzt der Kunden, um diese Entwicklungen wieder in die richtige Richtung zu lenken? Wer kann was tun?

Carsten Wolf: Die Veranstalter haben leider wenig Möglichkeiten. Gut wäre es, wenn sie auf Nachhaltigkeit beim Betrieb der Hotels drängen würden. Aber das ist natürlich nur eingeschränkt möglich. Mehr Möglichkeiten haben schon die Städte und Kommunen. Zum Beispiel, indem sie dem Bauboom durch striktere Baugenehmigungen ein Ende setzen.

Marek Brylla: Wenn man einmal die wichtigsten Destinationen Kolberg, Misdroy und Swinemünde vergleicht. Wer ist zurzeit am besten aufgestellt?

Carsten Wolf: Strukturell am Besten aufgestellt ist sicher Kolberg. Es gibt zahlreiche hochwertige Hotels mit Hallenbädern. Bedingt durch die Lage ist der Personalmangel nicht so groß. Außerdem gibt es ausreichend Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und vor allem Platz und Grünflächen. Im Vergleich dazu wird die Bebauung in Swinemünde und Misdroy immer dichter, geographisch bedingt. Und das Verhältnis zwischen Einwohnerzahl und Gästen ist in Kolberg noch einigermaßen im Lot. Die höchste Nachfrage gibt es wegen der Beliebtheit von Usedom aber in Swinemünde.

Marek Brylla: Immer mehr Menschen kommen nach Polen. Zum Beispiel, weil sie nachhaltig reisen möchten, weil sie sich für Polen interessieren, weil Portale wie Booking.com die Buchung vereinfachen. Kannst Du das bestätigen? Wie waren in den letzten Jahren die Buchungszahlen bei Travelnetto und wie schätzt Du den allgemeinen Trend ein?

Carsten Wolf: Tatsächlich wurde die polnische Ostseeküste bei deutschen Gäste in den letzten Jahren immer beliebter. Allerdings beobachten wir, dass die Nachfrage im Sommer stagniert, sicherlich bedingt durch gestiegene Preise und die hohen Gästezahlen vor Ort.

Der klassische Kurtourismus scheint immer mehr abzunehmen. Ein Grund dürfte sein, dass sich die Preise sich über das Niveau klassischer Kurländer wie Tschechien bewegt haben.

Bei uns steigen die Zahlen seit 11 Jahren beständig um rund 20-30 Prozent pro Jahr. Das ist aber von der allgemeinen Nachfrage etwas abgekoppelt.

Marek Brylla: Noch ein schöner Trend ist ja, dass immer mehr Familien und Wellnessurlauber an die polnische Ostsee reisen. Wird das weiter wachsen, und was bedeutet das für die klassische Kolberg-Kur?

Carsten Wolf: Der Trend zu Familienurlaub und Wellness hat meines Erachtens auf den Kurtourismus kaum einen Einfluss. Denn die Kururlauber bevorzugen die schwachen Saisonzeiten. Ich gehe außerdem nicht davon aus, dass die Anzahl der Familienurlauber weiter stark wachsen wird.

Marek Brylla: Vielen Dank. Nun eine schwierige Frage: Welche drei Hotelneueröffnungen oder -sanierungen haben Dich richtig positiv beeindruckt?

Carsten Wolf: Beeindruckt hat mich die Umgestaltung des Hotels Pro-Vita in Kolberg in ein exklusives Boutiquehotel. Obwohl die Preise stark gestiegen sind, halten die Gäste die Leistungen im Verhältnis zu den Preisen für hervorragend. Das muss man erst mal schaffen.

Großartig war die Eröffnung und Markteinführung des Hotels Marisol in Swinemünde. Das Haus der Pro est Gruppe erreicht trotz fehlendem Hallenbades dauerhaft großartige Bewertungen. Und zu guter Letzt wurde das Hotel Grand Lubicz in Ustka innerhalb kurzer Zeit zu einer echten Marke mit sehr zufriedenen Gästen.

Marek Brylla: Travelnetto zeichnet seit einigen Jahren Hotels aus, die besonders gut von Kunden bewertete wurden. Wie wirkt sich das aus und gibt es einen Zusammenhang zwischen Bewertungen im Internet und der Buchungssituation einzelner Hotels und Destinationen? Was ist wichtiger: Die Zahl der Sterne des Hotels oder die Bewertungen? Sind Fake-Bewertungen ein Problem?

Carsten Wolf: Es ist auffallend, dass die Hotel-Award-Gewinner im Folgejahr sehr viel besser gebucht werden. Dies hat aber auch mit unserem zusätzlichen Marketing zu tun.

Die Gäste schauen nach Sternen, aber gerade jüngere Nutzer verlassen sich auch auf die Bewertungen. Mir sind nur zwei größere Hotelbuchungsmöglichkeiten für Polen bekannt, die in meinen Augen reale Bewertungen veröffentlichen.

Allgemeine Bewertungsplattformen, bei denen jeder Bewertungen abgeben kann, ohne zuvor bei dieser Plattform gebucht zu haben, strotzen meiner Meinung nach von Fake-Bewertungen. Ich halte grundsätzlich mindestens die Hälfte aller Internetbewertungen für gefälscht. Dafür gibt es eine eigene Industrie von Bewertungsagenturen.

Marek Brylla: Gehen wir zum Ende des Interviews noch einmal weg von der Ostsee. Spielen andere Regionen in Polen für Travelnetto?

Carsten Wolf: Nein, ehrlich gesagt nicht. Neben den 30.000 Gästen pro Jahr an der Ostsee haben wir noch rund 1.500 Gäste in Bad Flinsberg im Isergebirge. Alles andere haben wir schon versucht – das Interesse für Masuren, die großen Städte oder die Gebirge hält sich bei unseren Kunden aber eher in Grenzen.

Marek Brylla: Carsten, vielen Dank, für die offenen Worte und die Einschätzungen. Neben den vielen positiven Aspekten halte ich die kritischen Punkte für beachtenswert. Es wäre sehr schade, wenn in der aktuellen Phase des Wachstums des polnischen Tourismus nicht die richtigen Weichen gestellt werden. Denn es bedarf aus meiner Sicht eines nachhaltigen Tourismus – nicht nur, aber auch im ökologischen Sinne. Danke für das Interview, Carsten!

 

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