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Mit einem Lächeln durch Danzig: Interview mit einem Guide

Danzig an der MottlauEine gute Stadtführerin oder ein guter Stadtführer ist für gelungene Städtereisen mit Gruppen wohl eine Mindestvoraussetzung. Grund genug, uns das am Beispiel Danzigs einmal genauer anzusehen. Genauer heißt in diesem Fall: Aus der Perspektive einer Danziger Stadtführerin. Marek Brylla von brylla reisen sprach mit Ola Bejowicz, die schon seit vielen Jahren Touren durch die beliebte Ostseemetropole – auch für brylla reisen – anbietet.

Sie berichtet über Ihre Erfahrungen, Tipps und hält auch mit mit den Schattenseiten nicht hinter dem Berg.

Marek Brylla: Hallo! Schön, dass wir einmal ganz in Ruhe über ihre Erfahrungen als Guide für Danzig sprechen können. Wie sind sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen?

Ola Bejowicz: Ich war noch ein Schulkind, als ich mich in das Buch „Mit einem Lächeln durch Danzig” (Polnisch: „Z usmiechem przez Gdansk”)  verliebte. Das Buch wurde von Andrzej Januszajtis geschrieben, einem der größten Kenner der Stadt Danzig. Der ist gleichzeitig ein sympathischer und bescheidener Mensch. Anders als andere Bücher über die Stadt war sein Buch illustriert, witzig und mit einem Augenzwinkern. Illustrator war Zbigniew Jujka. Mit großem Eifer habe ich die Bilder vervollständigt, ab und zu einen einfachen Kommentar dazu geschrieben, der manchmal nur aus ein paar Worten bestand. Vor ein paar Jahren habe ich dann einmal den Autor persönlich getroffen, ihm die Geschichte erzählt und um ein Autogramm in einem druckfrischen Exemplar gebeten.

Marek Brylla: Und dann: Wie wird man Stadtführerin? Ist es in der Praxis schwieriger, die Geschichten und Fakten zu lernen, oder die zwischenmenschlichen Fähigkeiten zu trainieren?

Ola Bejowicz: Für mich war eher das zweite eine Erfahrungskurve. Ich habe einen Kurs als Stadtführer abgeschlossen und war damit von Anfang an  fachlich sehr gut vorbereitet. Paradoxerweise war das aber eher ein Nachteil: Es ist nicht so, dass ein guter Stadtführer als Hauptaufgabe die Vermittlung der wichtigsten Informationen hat.  Es geht eben gerade nicht darum, der Gruppe alles zu berichten, was man weiß. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, über die gesehenen Objekte interessant zu erzählen, die Menschen mit den Geschichten zu fesseln. Zugegeben: Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um das zu verstehen.

Marek Brylla: Was zeichnet  einen guten Stadtführer denn noch aus, wenn das Buchwissen über die Region nicht alles ist?

Ola Bejowicz bei einer Stadtfuehrung in Danzig
Ola Bejowicz bei einer Stadtfuehrung in Danzig

Ola Bejowicz: Beinahe das Wichtigste ist, gleich nach dem ersten  Kontakt mit der Gruppe zentrale Dinge zu erkennen: Was sind die Gäste für Typen, was erwarten sie von dem Stadtführer und auch, ob sie Spaß verstehen. Es kommt vor, dass ich für eine Gruppe nur 2-3 Stunden Zeit habe. Da bleibt  nicht viel Raum, um die Wünsche der Gruppe langwierig von den Gesichtern der Gäste „abzulesen”. Ein guter Stadtführer muss stets die Reaktionen der Gruppe richtig deuten und – wie gesagt – darauf achten, die Gäste mit seinen Geschichten zu fesseln. Gute schauspielerische Fähigkeiten sind auch von Vorteil: Ich meine damit nicht nur den Tonfall oder die rhetorischen Fähigkeiten, sondern auch Gestik und Körpersprache. Die Gäste müssen wahre Begeisterung und Enthusiasmus des Stadtführers während des Erzählens spüren. Sie müssen merken, dass ihnen gerade etwas ganz Besonders gezeigt wird. Aber: Das kann man auch nicht spielen, wenn man selbst nicht davon überzeugt ist. Ich bin der Meinung, dass wir die Touristen als Gäste behandeln sollen, die wir nach Hause einladen und ihnen etwas Außergewöhnliches zu zeigen.

Ach ja: Natürlich muss man das Tempo an die Langsameren in der Gruppe anpassen, laut und eindeutig sprechen. Aber das ist ja selbstverständlich.

Marek Brylla: Welche formalen Voraussetzungen müssen in Polen erfüllt werden um als Stadtführer arbeiten zu dürfen? Wie groß ist die Konkurrenz zwischen den Stadtführern in Danzig?

Ola Bejowicz: Es gelten im Moment  noch die Vorschriften aus den neunziger Jahren. Das heißt: Jeder Stadtführer muss eine Ausbildung, also einen Stadtführer-Kurs, absolviert haben und dabei bestimmte Prüfungen etwa zu Geschichte und Architektur ablegen. Erst nach der Prüfung bekommt man den Stadtführer-Ausweis, der vom Woiwoden der jeweiligen Woiwodschaft (vergleichbar einem Bundesland in Deutschland) ausgestellt wird. Aber jetzt kommt Bewegung in die Voraussetzungen: In den kommenden Monaten ändern sich die Vorschriften und im Rahmen der Deregulierung für bestimmte Berufsgruppen darf dann jeder Stadtführer sein.

Diese Veränderung wird natürlich für mehr Konkurrenz sorgen. Die lizenzierten Stadtführer sind naheliegenderweise von der Änderung nicht begeistert. Viele befürchten, dass es plötzlich viele neue Stadtführer gibt, die zwar günstiger, aber ohne Erfahrung oder einfach inkompetent sind.

Ich persönlich habe damit kein Problem. Dadurch, dass ich schon so lange auf dem Markt bin, habe ich mir einen Kundenstamm aufgebaut. Die neuen Stadtführer werden es jedoch schwerer haben, Kunden zu gewinnen.

Marek Brylla: Eine Frage zu den Gästen, die Danzig besuchen: Gibt es Veränderungen in den Touristenströmen in der Stadt, wenn man die letzten Jahre und etwa Interessengebiete, Alter oder Reisemotivation betrachtet?

Ola Bejowicz: Ein klares Ja. Die so genannten ‚Heimwehtouristen‘ sind jetzt eine Minderheit; das war noch vor 15 Jahren ganz anders. Damals hatte ich noch Gäste, die  früher in Danzig gelebt hatten und die einfach ihre frühere Stadt besuchen wollten. Heutzutage sind Danzigs Besucher nicht selten ihre Kinder oder Enkelkinder.

Aber: Heute habe ich in in meisten Fällen Gäste, die keine Danziger Wurzeln haben. Immer mehr junge Leute, auch mit Kindern, besuchen die Stadt. Eine Reise nach Danzig ist jetzt einfacher; aufgrund der guten Flugverbindungen ist ein Wochenendtrip schnell organisiert. Ich merke auch, dass die Gäste sich jetzt mehr für Polen, die polnische Tradition und Kultur interessieren.

Marek Brylla: Hatte die Fußball-Europameisterschaft EURO 2012 Einfluss auf die Nachfrage nach Urlaub in Danzig? Haben die gelungene Organisation der Europameisterschaft und die tolle Stimmung in Polen das Image des Landes in Augen der ausländischen Touristen verbessert?

Ola Bejowicz: Ja, sicher. Unser Land hat durch die EURO 2012 in Augen der ausländischen Touristen einiges gewonnen. Wobei ich ehrlich sagen muss: Ich habe noch keinen Gast getroffen, der Polen besuchte, weil er die tolle Stimmung bei der Fussball-EM beispielsweise im Fernsehen gesehen hatte. Die Gäste fragen aber nach dem neuen Stadion und wollen es sehen. Ich zeige ihnen das Stadion sehr gern, da ich es auch sehr schön finde.

Marek Brylla: Gibt es Rückmeldungen von Busfahrern, die die Besucher Danzigs nach Polen fahren? Gibt es Wichtiges in Bezug auf die Infrastruktur (Busparkplätze, Straßen etc.), das oft genannt wird?

Ola Bejowicz: Oh ja: Die meisten Busfahrer kritisieren die hohen Parkplatzgebühren in Danzig. Schon oft habe ich gehört, dass in den anderen Großstädten die Hotelparkplätze kostenfrei sind, nur nicht in Danzig. Hier muss man fast immer recht viel dafür bezahlen. Dazu kommt noch, dass es nicht genug Parkplätze und Bushaltebuchten in Danzig gibt, an denen die Gäste ein- und aussteigen können. Ein Minuspunkt hat sich deutlich verbessert: Für unsere Straßen brauchen wir uns nicht mehr zu schämen.  Die Straßenverhältnisse sind wirklich besser geworden, und wenn es mal zu Verkehrsbehinderung kommt, dann wegen des großen Verkehrsaufkommens.

Marek Brylla: Angenommen, man hat als Gast nur einen Tag Zeit für Danzig. Was sollte man unbedingt gesehen haben, was ist ein Geheimtipp?

Ola Bejowicz: Ich verrate hier, was ich einem Gast zeigen würde, der nur 10 Minuten in Danzig hat: Das Krantor.
Es ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Wer einen ganzen Tag zur Verfügung hat, findet sogar genügend Zeit zum Shoppen in unserer wunderschönen, historischen Markthalle.

Marek Brylla: Als Stadtführerin kennt man die Stadt auswendig. Gibt es irgendetwas, was sie nicht mögen oder was sie ärgert?

Ola Bejowicz: Die Stadt Danzig ist wunderschön, aber natürlich ist nie alles perfekt. Ich ärgere mich immer wieder, dass es nicht genug saubere und ordentliche öffentliche Toiletten. Viele von den vorhandenen sind zudem außerhalb der Hochsaison geschlossen. Wenn man mit einer Gruppe im November unterwegs ist, kann das wirklich zu einem Problem werden. In Warschau und Stettin zum Beispiel gibt es genug solche Plätze und das vielfach kostenfrei. Das ist eine Kleinigkeit, die man jedoch nicht unterschätzen soll.

Auch die allgegenwärtigen Bettler sind  ein Problem, zumal sie manchmal sehr aufdringlich sind. Ich bin nicht die einzige, die dabei das Gefühl hat, dass es oft organisierte Gruppen sind, die sich die Bettelei zum Beruf gemacht haben. Es stören mich auch die Verkäufer, die für bestimmte Lokale auf der Straße werben. Man muss sich das so vorstellen: Während ich der Gruppe etwas erzähle, kommen solche Verkäufer vorbei und versuchen, die Gruppe für ein bestimmtes Lokal zu gewinnen. Das ist ärgerlich.

Marek Brylla: Ganz herzlichen Dank! Eine wichtige Frage: Wie finden potenzielle Kunden Sie, wenn Interesse an der Buchung einer Stadtführung in Danzig besteht?

Ola Bejowicz: Natürlich freue ich mich über Gäste in meiner Stadt und auf meiner Internetseite www.olaschek.com gibt es auch alle Kontaktdaten…

 

 

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