Der Oberlandkanal 2015: Schiffe fahren über Land

Oberlandkanal: Schiff auf dem Landweg. Foto: Żegluga Ostródzko-ElbląskaHeute möchte ich auf Ihre vielen Anfragen zum Thema Oberlandkanal (Kanał Ostródzko-Elbląski) reagieren. Ich habe Ihnen hier einmal alles Wissenswerte zu diesem erstaunlichen Wasserweg im heute Westmasuren genannten früheren Oberland zusammengestellt. Es besteht nun ja auch zumindest die berechtigte Hoffnung, dass der Kanal tatsächlich zum 1. Mai 2015 wieder vollständig in Betrieb geht. Wir von brylla reisen werden da am Ball bleiben – versprochen!  Ich werde Sie hier also auf dem Laufenden halten.

Ein wundersamer Wasserweg – Mit dem Schiff über Land fahren

Oberlandkanal: Schiff auf dem Landweg. Foto: Żegluga Ostródzko-Elbląska

Schiff bergauf. Foto: Żegluga Ostródzko-Elbląska

Es knirscht und ächzt gewaltig und ruckelt etwas, dann wird es leichter und wie selbstverständlich fährt das kleine Schiff der Weißen Flotte gleichmütig über das Grün den Moränenhügel hinauf. Zuweilen schnauft es, es geht schließlich ziemlich steil bergauf. Oben angekommen kommt wieder Wasser in Sicht und wie selbstverständlich gleitet der kleine Dampfer der „Weißen Flotte“ ins Wasser zurück. Der Schiffsdiesel springt an und das Schiff tuckert gleichmütig von dannen.

Hübsche masurische Geschichte – gibt es aber nicht? Doch, denn genau das ist der Oberlandkanal: Dort fahren Schiffe über Land. Der 82 Kilometer lange Oberlandkanal zwischen Elbląg (Elbing) und Ostróda (Osterode) gehört zu einem insgesamt 144,3 Kilometer langen System von Wasserstraßen zwischen der Pojezierze Iławskie (Eylauer Seenplatte) und Elbląg. Das System Oberlandkanal verbindet zahlreiche Seen miteinander, so dass der eigentliche Kanalanteil nur 43,8 Kilometer beträgt, die Fahrt durch die Seen ist mit 39,5 Kilometer fast genauso lang.

Zwischen den beiden Endpunkten des Systems in Iława (Eylau) und Elbląg besteht ein Höhenunterschied von 129,8 Meter, fast 100 Meter davon konzentrieren sich aber auf die 9 Kilometer lange Strecke zwischen von Buczyniec (Buchwalde) und Całuny (Kussfeld), wo das Oberland ins Weichselwerder übergeht. Das ist zu viel für ein System von aneinander geschalteten Schleusen, deshalb musste man sich zur Realisierung dieses Wasserwegs etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Ein wenig Geschichte

Oberlandkanal: Schiff auf dem Landweg. Foto: Żegluga Ostródzko-Elbląska

Naturnah. Foto: Żegl. Ostródzko-Elbląska

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs der Bedarf an Transportmitteln. Das Holz der Wälder Masurens und die landwirtschaftliche Erzeugnisse der Region sollten möglichst rasch und kostengünstig zu den wachsenden, lukrativen Märkten in Elbląg, Danzig (Gdansk) und im Westen transportiert werden. Ein Wasserweg zum Frischen Haff und damit zur Ostsee erschien da als günstigste Verbindung. Eine Bahnanbindung gab es damals noch nicht, die Weichselbrücke bei Tczew (Dirschau) war noch nicht erbaut.

Es war der Königsberger Baurat Georg Jacob Steenke (1801-1884), der Erbauer des Seckenburger Kanals an der Memel, der eine Lösung für das Problem des Höhenunterschieds fand: geneigte Ebenen die auch Rollberge genannt werden. Eine Lösung mit 20 Kammerschleusen erwies sich ihm nämlich als viel zu kostspielig und kaum praktikabel. Inspiriert wurde Steenke durch den damals hochmodernen Entwurf des Morris-Kanals in den USA, den er 1850 besuchte und dessen System er für die Gegebenheiten in Ostpreußen weiter entwickelte. Steenke kam zu einer Lösung mit zwei Schleusen in Zielona (Grünort) und Miłomłyn (Liebemühl) und zunächst vier aufeinander folgenden geneigten Ebenen in kurzer Folge. Sie wurden in Buczyniec (Buchwalde), Kąty (Kanthen), Oleśnica (Schönfeld) und Jelenie (Hirschfeld), erbaut. Eine fünfte geneigte Ebene entstand erst 1885 in Całuny und erhielt schon eine moderne Wasserturbine als Antrieb. Die geneigten Ebenen des Oberlandkanals sind zwischen 350 und 550 Meter lang und überwinden Höhenunterschiede von 13 bis 24,5 Meter.

Oberlandkanal: Schiff auf dem Landweg. Foto: Żegluga Ostródzko-Elbląska

Schiffstransport. Foto: Żegl. Ostródzko-Elbląska

Und so funktionieren die geneigten Ebenen: Die Schiffe fahren noch im Wasser auf einen Trailer, der auf Schienen steht und mit einem auf Rollen zwischen den Schienen laufendem Drahtseil gezogen wird. Ein Transportwagen ist oben, ein zweiter unten angekoppelt, so begegnen sie sich auf halber Strecke. Strom wird für den Betrieb der Anlage nicht benötigt, Maschinenkraft auch nicht. Nur die Wasserfallkraft setzt das System in Gang, sonst nichts. Die Maschinenhäuser sind mit Wasserfallrohren verbunden, die vom jeweils oberen Kanalabschnitt ausgehen. Soll nun ein Schiff transportiert werden, wird die Sperre des Fallrohrs geöffnet und das Wasser rauscht über einen Tank auf ein riesiges Wasserrad, das ein ausgeklügeltes System von Umlenkrädern in Gang setzt und damit das Drahtseil zieht. Es ist also nicht viel anders, als bei einer Standseilbahn und überaus umweltfreundlich.

Nachdem die Planungen einige Jahre auf Eis lagen, wurde vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. der Kanalbau mit dem Ziel einer wirtschaftlichen Wasserverbindung von Ostpreußen zur Ostsee beauftragt. Mit dem Bau wurde Ende Oktober 1844 begonnen. Nach nur acht Baujahren war der Kanal bis zur ersten geneigten Ebene bei Buczyniec fertig gestellt. Von Iława aus nahmen Dampfschiffe der Reederei Kardinal dort schon den Verkehr auf. Zalewo (Saalfeld), Miłomłyn und Ostróda waren nun per Schiff erreichbar. Nachdem mit Buczyniec der letzte der zunächst vier Rollberge fertiggestellt war, wurde der Kanal von Elbląg bis Ostróda 1860 dem Verkehr übergeben. Die letzte Teilstrecke des Kanalsystems ging von Ostróda nach Stare Jabłonki (Altfinken) über den See Puzy (Pausensee) sowie den See Szeląg (Schillingsee) und wurde um 1873 fertig gestellt.

Oberlandkanal: Schiff auf dem Landweg. Foto: Żegluga Ostródzko-Elbląska

Unterwegs. Foto: Żegl. Ostródzko-Elbląska

Der Kanal war ausgelegt für Schiffe bis zu einer Länge von 24,48 Metern und einer Breite von 2,98 Metern. Benutzt wurde er zum Transport von Industriegütern, landwirtschaftlichen Produkten und vor allem von Holz, das geflößt wurde. Andere Waren wurden von Lastkähnen und Schiffen transportiert, die überwiegend von der Elbinger Schichau-Werft gebaut wurden. Wirtschaftlich gesehen aber wurde der Kanal kein Erfolg. Die Fertigstellung der Eisenbahnbrücke bei Tczew über die Weichsel und bei Marienburg über die Nogat (einen Mündungsarm der Weichsel) im Jahr 1857 machte die direkte Anbindung des Netzes der preußischen Ostbahn an Berlin möglich. Im Jahr 1872, mit der Inbetriebnahme der Thorner Weichselbrücke, war Ostpreußen von der Eisenbahn durch zwei West-Ost-Trassen erschlossen und das Bahnnetz wurde in rasender Geschwindigkeit dichter – Der Oberlandkanal verlor daher sehr bald seine wirtschaftliche Bedeutung.
Schnell hatte man den Kanal aber als Ausflugsziel entdeckt und schon 1912 begann der Osteroder Reeder Adolf Tetzlaff den Kanal mit Passagierschifffahrten touristisch zu nutzen, bald mit einem richtigen Fahrplan. So wurde der Kanal früh zur Touristenattraktion. Einige Schäden verursachte der Zweite Weltkrieg. Mit der Hilfe des Reeders Adolf Tetzlaff wurde der Kanal schon 1947 instandgesetzt und nur ein Jahr später fuhren dort wieder Passagierschiffe.

Inzwischen ist der Kanal nicht nur eingetragenes Geschichtsdenkmal und auf der Liste der sieben Wunder Masurens als Technikdenkmal verzeichnet. Nach der erfolgten Restaurierung und Wiederinbetriebnahme am 1. Mai 2015 soll dann auch mit Hochdruck die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste beantragt werden.

Wiedereröffnung nach Sanierung 2015?

Oberlandkanal: Schiff auf dem Landweg. Foto: Żegluga Ostródzko-Elbląska

Schiff auf Wiese. Foto: Żegl. Ostródzko-Elbląska

Seit Ende 2012 wird der Oberlandkanal mit einem Finanzaufwand von 115 Millionen Złoty saniert und ist seitdem nur in wenigen Abschnitten befahrbar. Schon im August 2014 sollten die Arbeiten beendet sein. Wie immer bei Arbeiten an alten Bauwerken gibt es Überraschungen, die alle Arbeiten verzögern. So geschah es auch am Oberlandkanal. Doch nun ist fast alles fertig. Sowohl vom Stadtrat in Ostróda, der Reederei Żegluga Ostródzko-Elbląska als auch von der Wasserstraßenverwaltung RZGW (Regionalny Zarząd Gospodarki Wodnej w Gdańsku) hört man, der Kanal solle zum 1. Mai 2015 wieder in Betrieb genommen werden, die Arbeiten seien fast fertig und man sei zuversichtlich. Das bringt leider Ihnen als Reiseanbieter noch immer keine wirkliche Planungssicherheit, auch Fahrpläne wurden bisher noch nicht veröffentlicht.

Ich verspreche Ihnen als meinen Lesern  aber ein sofortiges Artikel-Update, sobald es diesbezügliche Neuigkeiten gibt und es klar ist, welche Routen von der Reederei angeboten werden. Alle unten stehenden Routenmöglichkeiten sind daher als vorläufig zu sehen.

Mögliche Schiffsrouten auf dem Kanalsystem

Fahrten auf dem Oberlandkanal und dem ganzen Kanalsystem zwischen Iława und Elbląg sind immer zwischen dem 1. Mai und dem 30. September eines Jahres möglich.

Ostróda – Elbląg: Für das Befahren der ganzen Route zwischen Ostróda und Elbląg sollten Sie einen ganzen Tag einplanen, denn die Tour dauert 11 Stunden. Sie kann sowohl mit dem Startpunkt Elbląg als auch von Ostróda aus angetreten werden. Ihre Reisenden tauchen dabei in eine Naturwelt aus einer anderen Zeit ein. Ganze Kanalabschnitte bilden einen grünen Tunnel durch abgelegene dichte Urwälder, gelbe Teichrosenfelder schließen sich nach der Durchfahrt des Schiffs wieder unbeeindruckt und sehen aus, als ob niemand zuvor hier war, das Schilf am Ufer bewegt sich sanft im Wind. Malerische Seen mit verträumten Badebuchten werden durchfahren, selten einmal begegnen die Reisenden einem Menschen, denn nur wenige Ortschaften liegen am Kanalsystem. Ab und zu eine Begegnung mit einem Segelboot, ansonsten Natur pur mit einer reichhaltigen Pflanzen- und Tierwelt. Der See Drużno (Drausensee) bei Elbląg ist ein geschütztes Naturreservat und maximal zweieinhalb Meter tief. Der verlandende See gleicht teils einem Sumpf und fällt teils bei wenig Regen trocken. So ist er ein Vogelparadies und die Kinderstube für viele Arten.

Natürlich können Sie Ihren Reisenden auch Teilstrecken der Tour offerieren. Dafür bieten sich die Strecken Ostróda-Buczyniec und Elbląg-Kąty an, die jeweils an einer geneigten Ebene enden. Dort können sich Ihre Gäste das Funktionsprinzip erklären lassen und das System der geneigten Ebene in Betrieb erleben, wenn das Schiff, mit dem Sie gekommen sind, die Rollberge befährt. Beide geneigten Ebenen sind gut mit dem Bus erreichbar und bieten Parkplätze in der Nähe.

Wikingertour in Elbląg:  Zweieinhalbstündige Fahrt von Elbląg aus auf den Drużno (Drausensee), dem Vogelparadies bis nach Całuny und zurück. Doch bewegt man sich auf dieser Tour auch auf den Spuren der Wikinger, denn am verlandenden Drausensee, der einst eine Bucht des Frischen Haffs war, lag das legendäre Truso, das der Wikinger Wulfstan einst bereiste.

Spazierfahrt auf dem Drewenzsee in Ostróda: Die schnelle Alternative für eine kurze, einstündige Rundfahrt auf dem malerischen Drewenzsee in Ostróda mit schönen Stadtpanoramen und traumhaften Uferlandschaften.

Papst-Route von Ostróda nach Iława: Die siebenstündige Route ist in beiden Richtungen, also auch von Iława (Eylau) nach Ostróda bereisbar. Die Route führt über den See Drwęcki Drewenzsee) und auf dem Oberlandkanal entlang zur Schleuse Miłomłyn. Von dort geht es auf dem Kanal weiter zum See Jeziorak (Geserichsee) und nach Iława. Vor dort können Individualreisende mit dem Bus nach Ostróda zurückkehren. Wer sich die Stadt ansehen will, kann auch mit der Bahn zurückkehren. Diese Strecke wurde „Papstroute“ genannt, weil der spätere polnische Papst Johannes Paul II. sie 1957 und 1958 mit dem Paddelboot absolvierte.

Fahrt nach Stare Jabłonki von Ostróda aus: Die zweieinhalbstündige Fahrt führt von Ostróda durch die Schleuse Ostróda passiert den See Pusy (Pausense), führt zur Schleuse Mały Ruś und dann durch den See Szeląg (Schillingsee) nach Stare Jabłonki (Altfinken). Zurück geht es mit dem Bus nach Ostróda. Die Rückfahrt mit dem Schiff ist ebenfalls möglich. Auch hier ist Stare Jabłonki Startpunkt der Fahrt.

Ein paar reisepraktische Hinweise

Oberlandkanal: Schiff auf dem Landweg. Foto: Żegluga Ostródzko-Elbląska

Wieder bergab. Foto: Żegl. Ostródzko-Elbląska

In Ostróda und Elbląg gibt es Hotels für jeden Geldbeutel und eine gute touristische Infrastruktur. Von beiden Orten aus sind interessante Ausflüge möglich. Über das wesentlich größere Elbląg kann das Frische Haff mit der Frischen Nehrung erkundet werden, sowie Danzig und Sopot. Das westmasurische Ostróda mit seinen fünf Seen gilt als Tor nach Masuren und ist Startpunkt für Ausflüge nach Olsztyn und zu den Großen Masurischen Seen.

Fahrkarten für die Routen auf dem Kanalsystem gibt es hier:
Büro des Schifffahrtsbetriebs Osterode-Elbing GmbH in Ostróda:
Żegluga Ostródzko – Elbląska Sp. z o.o. w Ostródzie
ul. Mickiewicza 9a
14-100 Ostróda
E-Mail: sekretariat@zegluga.com.pl
www.zegluga.com.pl

Büro des Schifffahrtsbetriebs Osterode-Elbing GmbH in Elbląg:
Żegluga Ostródzko-Elbląska Sp. z o.o. w Ostródzie
ul. Wodna 1b
82-300 Elbląg
E-Mail: elblag@zegluga.com.pl
www.zegluga.com.pl

Oberlandkanal: Schiff auf dem Landweg. Foto: Żegluga Ostródzko-Elbląska

Lohnenswert! Foto: Żegl. Ostródzko-Elbląska

Das Büro in Ostróda befindet sich in der Stadtmitte direkt an der Uferpromenade, 50 Meter vom Anleger am Drewenzsee entfernt. Auch in Elbląg finden Sie das Büro in der wieder erstandenen Altstadt in Sichtweite des Anlegers an der Wasserstraße nahe der historischen Bibliothek. Wer Angst hat, dass er beim Ticketerwerb Sprachschwierigkeiten hat, kann beruhigt sein: Fahrkarten kann man auch übers Internet erwerben, sobald der jeweils aktuelle Fahrplan online steht.

Beide Reederei-Büros bieten Tickets für die ganze Fahrt zwischen Elbląg und Ostróda an, sowie für Teilstrecken oder die Spazierfahrten und Routen, die im jeweiligen Ort starten. Für Fahrten, die keine Rundreisen sind und nicht an den Ausgangsort zurückführen, gibt es die Möglichkeit mit einem extra von der Reederei eingesetzten Autobus zurückzufahren.

Gern bin ich und mein Team für Sie da, wenn Sie Fragen haben oder wenn wir für Ihr Unternehmen, Ihren Verein oder Ihren Veranstalter eine Reise mit dem Oberlandkanal-Programmpunkt planen dürfen.

Fotonachweis: Żegluga Ostródzko-Elbląska

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