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Polens unpolitischer Tourismusboom

Polens aktuelle politische Situation ist für viele Deutsche kaum nachvollziehbar. Polen befindet sich wirtschaftlich, gerade wegen seiner europäischen Integration, im Aufschwung. Und dennoch haben die Polen – so wirkt es hierzulande – antieuropäisch gewählt. Wenn Sie Busunternehmer sind und Gruppenreisen oder Rundreisen nach Polen durchführen, werden Sie daher zurzeit eventuell etwas besorgt in unser Nachbarland blicken. Vielleicht werden Sie auch bereits Nachfragen von Ihren Reisenden bekommen haben, ob man denn überhaupt nach Polen fahren sollte. Wir können Sie und ihre Reisenden beruhigen: Polen zeigt sich Touristen gegenüber weiterhin sehr aufgeschlossen. Was wir beobachten, ist Polens unpolitischer Tourismusboom. Und auch politisch ist Polen im Grunde seines Herzens proeuropäisch. Aber alles der Reihe nach.

Polens Tourismusboom

Polen boomt – als Reiseziel nicht nur für deutsche Touristen. 2015 konnten beispielsweise Polens Flughäfen ein Allzeithoch verzeichnen und erstmals mehr als 30 Millionen Fluggäste abfertigen. Zur steigenden Attraktivität Polens für Deutsche tragen viele Einflussfaktoren bei.

Polen wird verkehrstechnisch zunehmend besser erreichbar. Das hängt nicht nur mit dem Ausbau wichtiger Autobahnstrecken zusammen. In Polens Top-Destinationen wie beispielsweise Breslau und Krakau wurde und wird in Infrastruktur und Bauwerke investiert – auch um Touristen moderne Hotels, Verkehrsmittel und eine angenehme Gesamtanmutung bieten zu können. Polens Kulturleben entwickelt sich und bietet attraktive Festivals, Veranstaltungen und Wettbewerbe. Und nicht zuletzt fördert Polens gewandeltes Bild in der deutschen Öffentlichkeit das Interesse Deutscher an Polen. Heutzutage wird Polen auch dank großer Investitionen in sein Image als Reiseland deutlich weniger als „Billigland“ wahrgenommen. Vielmehr assoziieren deutsche Reisende Polen mit unberührter Natur, gewachsener Kultur, schönen Städten, Ostseestränden, Berglandschaften und bezahlbaren Wellnessmöglichkeiten. In Polen ist die Sicherheitslage unkritisch, im Gegensatz zu anderen beliebten Reisezielen.

Krakau Weltjugendtag (© MaryBroady)
Krakau Weltjugendtag (© MaryBroady)

Vieles spricht dafür, dass Deutsche weiterhin verstärkt nach Polen reisen – gerade in 2016. Dazu dürften auch die Großveranstaltungen beitragen. Breslau ist Europäische Kulturhauptstadt 2016. Es wartet mit einem umfangreichen Programm in den Rubriken Film, Architektur, Musik, Literatur, visuelle Künste, Theater, Performance und Oper auf. In Krakau wird sich im Sommer 2016 die katholische Jugend beim Weltjugendtag 2016 treffen. Und kreative Angebote mit Kurz-, Musical-, Event-, Städte- und Kulturreisen sind gerade bei der jüngeren Zielgruppe stark nachgefragt.

Wie passt diese Entwicklung zur politischen Entwicklung Polens?

Polens politische Entwicklung

Die neueste politische Entwicklung Polens begann mit der Präsidentschaftswahl 2015 und der nur wenige Monate folgenden Parlamentswahl. Der Hintergrund des sich dabei ergebenden politischen Erdrutsches der liberalen Bürgerplattform und des Erstarkens der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit lautet stark verkürzt: Die weniger privilegierten Polen hatten genug nach acht Jahren der liberalen Regierung der Bürgerplattform (PO).

Im Jubiläumsjahr 2014 wurden zehn Jahre EU-Mitgliedschaft und 25 Jahre demokratisches Polen gefeiert. Dabei wurde etwas Wichtiges ersichtlich: die bei großen Jubelfeiern wiederholten Erfolgsbilanzen Polens deckten sich immer weniger mit der sozialen Realität und den Alltagsproblemen vieler Polen. Sie waren atemlos geworden nach den Jahren der ständigen Veränderungen, sie lebten in herausgeputzten Städten und mit stark verbesserter Infrastruktur. Aber: im Geldbeutel vom polnischen Otto Normalverbraucher kam davon zu wenig an.

Der Durchschnittslohn ist in Polen in den letzten Jahren zwar stark auf rund 1.000 Euro angestiegen. Doch die Lohnschere geht weit auseinander. Der polnische Durchschnittslohn ist eher eine rein rechnerische Größe als ein Abbild des Lebensstandards der Mehrheit der Gesellschaft. Dazu kommen weitere Probleme und Sorgen des kleinen Mannes: die Sicherheit und Höhe der Renten, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und Abwanderung der gut gebildeten Jungen, die vielen befristeten Arbeitsverhältnisse ohne soziale Sicherheit für junge Familien. Für all diese Probleme erwarten wie überall auch die Polen Lösungen von ihrer Regierung.

Die Bürgerplattform (PO) erkannte diese latente Unzufriedenheit und die wachsende Wechselstimmung unter den polnischen Wählern nicht. Genau diese Lücke füllte die PiS, die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit von Jarosław Kaczyński. Sie holte den Bürger mit seinen Sorgen schon beim Präsidentschaftswahlkampf dort ab, wo er sich mit seinen Alltagsproblemen befand. Es war verblüffend einfach für die PiS, ein Klima des „Die verstehen mich“ zu erzeugen, während die PO dabei in Schockstarre verharrte.

Bis heute unterstützen viele Polen ihre die PiS-Regierung allein deshalb, weil sie auf die Einlösung der Wahlversprechen im sozialen Bereich hoffen. Deshalb war es für die Regierung so wichtig, ein Kindergeld von umgerechnet 125 Euro ab dem zweiten Kind bzw. für sozial schwache Familien ab dem ersten Kind zu ermöglichen.

Manche Wähler der PiS hofften zudem, dass die PiS, die nach Außen mit neuen Gesichtern auftrat, ihre alten nationalkonservativen Züge ablegen würde. Sie hofften, dass die alte Kaczyński-Linie sich geändert habe. Diese Wähler sahen sich heute getäuscht. Nach wie vor bestimmt der PiS-Vorsitzende Jarosław Kaczyński die große Linie der Politik – ohne dafür ein Wählermandat zu haben. Übrigens muss man ohnehin beim Wahlergebnis darauf hinweisen, dass der „Erdrutschsieg“ der PiS bei einer geringen Wahlbeteiligung entstand.

Die aktuelle Politik unterstützen nun aber sehr viel weniger Polen, als es zum Teil im Ausland den Anschein hat. Auch deshalb hat sich bald das Komitee zur Verteidigung der Demokratie KOD gegründet und den Protest auf Polens Straßen getragen. Fast an jedem Samstag wird nun in Polens großen Städten demonstriert, friedlich, unerschrocken und beharrlich, wie damals zur Solidarność-Zeit. Das macht Hoffnung, denn die Teilnehmer dieser Demonstrationen stehen Europa und der Demokratie aufgeschlossen gegenüber. Von ihnen werden Ihre Reisenden Bemerkungen hören, wie sie auch Ex-Präsident und Solidarność-Ikone Lech Wałęsa gebrauchte: „Wir schämen uns für diese Regierung“.

Erstmals seit Jahren beschäftigen sich die Polen nun sehr viel intensiver als je zuvor mit der Politik und vor allem mit der Demokratie. Ebenfalls zum ersten Mal findet man aus dem Protest durch Politikverdrossenheit und Wahlenthaltung heraus und diskutiert breit, was für eine Demokratie man eigentlich will und ringt um solch Grundlegendes wie die Frage, welche Punkte für eine Demokratie in Polen unverzichtbar sein sollten und welche internationale Rolle das Land spielen sollte.

Das ist gut und das ist wichtig. Man sollte also nicht denken, dass ausgerechnet Polen, dass es als erstes Ostblockland schaffte, seiner kommunistischen Regierung die Freiheit abzutrotzen, sich diese Freiheit nun einfach wieder nehmen lässt. Schließlich war die Demokratie von der Solidarność-Gründung bis zur ersten freien Wahl in zäher Beharrlichkeit und unendlich vielen Diskussionen errungen worden.

Begegnungen mit Polen

Sonnenuntergang in Kolberg
Sonnenuntergang in Kolberg

Etwas Weiteres macht Hoffnung. Die Polen sind nach wie vor sehr gastfreundlich. Die engstirnige von Angst getriebene Haltung vieler Regierungsmitglieder gegenüber Fremden machen sie sich nicht zu Eigen. Niemand wird in Polen Reisende anpöbeln oder belästigen. Die Polen gehen ihrem Alltag nach. Und auch für die Polen ist im Sommer Urlaubszeit und nichts ist wichtiger, als mit der Familie in die Berge, an die Ostsee oder nach Masuren zu fahren. Außerdem freuen sich besonders die Menschen in den polnischen Urlaubsgebieten über jeden Bus, der ihnen die Urlauber ins Land bringt, von denen sie leben. An der polnischen Gastfreundschaft der Polen auch und besonders Deutschen gegenüber hat sich ohnehin nichts geändert.

Also fahren Sie nach Polen, dort sind Sie und Ihre Reisenden herzlich willkommen. Und: Sie liegen mit Ihrer Reisewahl voll im Trend.

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